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Vom Umgang mit Doping im Fußball und dessem vermeintlichen Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch im Breitensport

Kaum vier Monate ist es her, dass ein handfester Dopingskandal die Fußball-Bundesliga erschütterte. Die beiden Hoffenheimer Fußballprofis Ibertsberger und Janker waren nach einem Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach zur Dopingkontrolle gebeten worden, hatten sich entgegen der Vorschriften aber nicht unmittelbar nach dem Abpfiff zur Dopingprobe begeben, sondern erschienen dort mit zehnminütiger Verspätung. Gemäß den Statuten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA kommt dies einem Dopingverstoß gleich, der dementsprechend zu bestrafen ist. Theoretisch wäre in diesen zehn Minuten nämlich ausreichend Zeit gewesen, die Dopingproben zu manipulieren.

Der Verstoß wurde zum Skandal, als der Fall die Presse erreichte und die Bundesliga, Vereine, DFB und DFL, zur öffentlichen Stellungnahme gezwungen waren. Den Auftakt machte Rainer Koch, wohlgemerkt Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Fußballbundes. „Ich kann mir hier eine Manipulation in diesen zehn Minuten nicht vorstellen“, sagte er, und „ein Jahr Sperre ist auf den ersten Blick und auch aus unserer Sicht eine harte und unverhältnismäßige Entscheidung.“ Nachdem also geklärt war, dass der Mann, der von Berufswegen her eigentlich den Kampf gegen den Medikamentenmissbrauch in der Bundesliga hätte anführen sollen, auf Seiten derjenigen stand, die den vermeintlichen Verstoß begangen hatten, meldeten sich die Vereine zu Wort. Exemplarisch sei hier der Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick zitiert, der die ganze Diskussion mit einem einzigen Satz für obsolet erklärte: „Dopingvorwürfe kann es keine geben, weil bei uns nicht gedopt wird.“ Ohnehin sei der Verstoß seiner beiden Spieler nur ein alltägliches Kavaliersdelikt, denn in der Vergangenheit sei es öfter so gewesen, „dass sogar der Dopingbeauftragte gesagt hat, die Spieler können nochmal kurz in die Kabine gehen und sollen sich ein frisches Trikot anziehen.“ Sollte diese Aussage der Wahrheit entsprechen, würde er damit nur die Gegenseite stärken, also internationale Dopingexperten, die seit langem die bestenfalls naive Einstellung der Fußballfunktionäre zum Thema Doping kritisieren. „Die Kontrollen im Fußball sind lächerlich“, konstatierte zum Beispiel Werner Franke. Michael Ballack hingegen bezeichnete die im Vergleich zu anderen Sportarten äußerst laxen Dopingkontrollen als zu hart und beschwerte sich über Eingriffe in sein Privatleben, wenn er etwa angeben müsse, wo er sich aufhält. Rudi Völler, der übrigens als Spieler von Olympique Marseille sehr wahrscheinlich Zeuge eines umfassenden Dopingvergehens wurde, zeigte sich verärgert über die seiner Meinung nach „unsägliche Doping-Diskussion“ im Fußball. Sehr bald war das Thema tot geredet, das Verfahren vor dem DFB-Kontrollausschuss gegen die beiden beschuldigten Spieler wurde kurzherhand eingestellt, dem Verein TSG Hoffenheim eine geringe Geldstrafe auferlegt und die Meinung von Experten wie Armin Baumert, dem Vorstandsvorsitzenden der Nationalen Anti-Doping-Agentur, geflissentlich ignoriert. In einem Interview fasste er die Position der Fachwelt so zusammen: „[D]as hier ist ein Dopingfall, ganz klar! Da kann es null Toleranz geben, das unangemessene Verhalten der Spieler ist zu sanktionieren, denn sie haben die Regeln gebrochen.“

Sie haben Regeln gebrochen, die sinnvoll sind. Weil Dopingproben auch mit wenig Geschick innerhalb kürzester Zeit zu manipulieren sind, müssen verspätet abgegebene Proben als nichtssagend gelten. Und besonders dann, wenn gestandene Fußballspieler das Märchen bemühen, in ihrem Sport sei Doping sinnlos, da es allein auf taktisches Verständnis und den Umgang mit dem Ball ankomme, ist maximales Misstrauen geboten. Ihre Vorbildfunktion erfüllen viele Profifußballer lediglich in der Form, als dass sie uns zeigen, dass man selbst als Einkommensmillionär noch geldgeil genug sein kann, um seinen Arsch an den Hersteller eines Brotaufstrichs zu verkaufen. Indessen – und damit kommen wir zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags – nimmt der Medikamentenmissbrauch im Freizeit- und Breitensport nach wie vor zu. Bei einer Anhörung im Bundestags-Sportausschuss wiesen unlängst mehrere Wissenschaftler darauf hin, dass das Einstiegsalter permanent sinke und gerade unter Fitnesssportlern die Anzahl derer, die im Rahmen ihrer sportlichen Aktivitäten schon zu Dopingsubstanzen gegriffen haben, erschreckend hoch sei. Das Problem scheint hierbei auch zu sein, dass Doping nach wie vor ein Tabuthema ist. Denn wann immer eine Sportart, in der es um viel Geld geht, in jüngster Zeit einem Dopingskandal ausgesetzt war, wurden schleunigst alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Sache unter den Teppich zu kehren. Dabei kann sich eine fruchtbare Diskussion über den Einsatz von leistungssteigernden Medikamenten im Sport nur dann entfalten, wenn gerade auf höchster Ebene das Versteckspiel endlich ein Ende hat.

Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Am 30. Mai 2009 in Allgemein

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